Ich bin ein Scheidungskind. Das hat in meinem Fall bemerkenswert wenig Nachteile, denn meine Mutter hat es verstanden, den quasi nonexistenten Vater prima zu kompensieren.

Einzig wenn es darum geht, handwerkliche Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, vorbeifahrende Kraftfahrzeuge anhand des Motorensounds zu identifizieren und eben ehrliche Begeisterung für 90 Minuten Fussball zu empfinden, versage ich aufgrund des nicht vorhandenen Role Models kläglich.

Da ich keinen Bock hatte, mich seit meiner frühesten Kindheit für diese in meinen Augen nicht besonders schwerwiegenden Versäumnisse zu rechtfertigen, habe ich mir ein paar Basics angelesen, die ich je nach Situation abrufen kann, um in großer Runde nicht aufzufallen.

So erkenne ich die wichtigsten Automarken am Emblem vorne dran, nicke wissend, wenns um 12 Zylinder, PS-Zahlen und Einspritzpumpen (thihihi) geht, und gratuliere Menschen anerkennend zur Entscheidung, einen dieselbetriebenen Wagen gekauft zu haben. 

Mit diesen zugegebenermaßen rudimentären Kenntnissen bin ich bis jetzt prima über die Runden gekommen. 

Wenns doch auch beim Fußball so simpel wäre. Konjunktiv! Denn Fußball-Fans wollen reden, diskutieren gar, erwarten klare Positionierung zu Leistungsniveau des Kaders und Detailkenntnisse über Tabellenplätze des Lieblingsvereins. 

Um dem vorzubeugen, hab ich seit 1990 die komplette Hanuta- und Duplostickerbildchen zu EM und WM memoriert, und bin deswegen bei internationalen Scharmützeln voll im Thema! Die Nummer 12 bei Ecuador, kenn ich, brutale Sau, tritt auch in seinem Verein alles um. 

Für vier Wochen bin ich jedes zweite Jahr also safe, wenns um Männergespräche beim Public Viewing geht.

Aber Liga-Fußball! PFUI!! Irgendwann hab ich einfach geäußert, das Logo von St.Pauli gut zu finden. Ist ja auch schick, son Totenkopf. Daraufhin haben mich Menschen, die ich innig liebe, und die es gut mit mir meinen, mich als St. Pauli-Fan abgeheftet. Ich war bei diversen Spielen (es hat fast immer geregnet), hab versucht, die Lieder mitzusingen, hab die Namen der Spieler beim Einlauf ins Stadion mitgebrüllt (also an der Anzeigentafel abgelesen), und lauthals über die schwache Saison von Asamoah geschimpft. Ich tat, als wäre ich traurig, als es zurück in die zweite Liga ging, und heuchelte überschäumende Freude bei jedem Punktgewinn.

Und jetzt mal im Ernst: 

ES IST MIR SCHEISSEGAL, WIE ST. PAULI SPIELT!!

Ich hab mich jedesmal furchtbar gelangweilt im Stadion, ich finde generell Fußballfans zu laut und zu eklig, ich habe keinen Bock drauf, ständig irgendwelche beknackten Songs zu singen, und es gibt nichts, was mir mehr am Arsch vorbeigeht als Tabellenposition und Auf- oder Abstieg.

Sprich: Fussball ist eins dieser genderspezifischen Dinge, die sich mir in hundert Jahren nicht erschließen werden, sorry.

Und wenn wir schon dabei sind: ich find Sekt wesentlich leckerer als Bier.

  1. von dersilvereisen gepostet