Die meisten von uns haben im Laufe ihres Lebens früher oder später Vorlieben angehäuft, die im nachhinein betrachtet als nur bedingt en vogue gelten und gesellschaftlich eher negativ beleumundet sind.

Nun sind mir relativ wenig Menschen bekannt, die genügend Chuzpe und Energie aufbringen um diese auch offen auszuleben und Bock haben, sich ein ums andere Mal für den offen zur Schau getragenen Geschmackskollaps von ihrem Umfeld kontinuierlich verarschen zu lassen.

(Wenn es unter den Lesern dieses Blogs solche geben sollte: Respekt, das finde ich sehr löblich. Mir ist das schlicht zu enervierend!)

Worauf will er denn aber nun hinaus, höre ich Euch rufen, welch dunkles Geheimnis schlummert tief in ihm?! Der muss ja krasse Verfehlungen am Start haben!!

Was ist es?! Ein Junge Union-Mitgliedsausweis?! Caught in the Act-Bettwäsche?! Ein Wendy-Abo?! Oder, und dies wäre wirklich unverzeihlich, die komplette Love Parade-Raverdeppen- Uniform inklusive Moonboots, Fellweste und Staubsauger??!

Da sag ich:

…es geht um etwas anderes. Ich werde die Grundfesten Eurer Welt erschüttern. Ready when you are, folks?!

Ok, dann lass ich es jetzt raus:

Ich liebte einst die BÖHSEN ONKELZ !

Ja, genau die!! Des Maurers Haus- und Hofkapelle, Sprachrohr der Dorfjugend, Hooligans Finest, Deppenmetal-Combo für Hartz IV-Empfänger etc.. die fand ich super!!

Spulen wir zurück: 

Im Sommer ´92 war ich 16, und etwas übersättigt vom damals recht überschaubaren Musikangebot für den pubertierenden Schrankwandrebellen von Format. 

Die Ärzte waren noch getrennt, die Hosen schienen ihre besten Zeiten definitiv hinter sich zu haben, und der Rest war schlicht nicht dazu angetan, meine liberale 68er Mutter in Schockstarre zu versetzen!

Frühere Versuche mit Deutschpunk waren gescheitert, da ich ihr damit allenfalls ein müdes Lächeln entlocken konnte, und mir die Mucke insgeheim ja selber massiv auf den Sack ging.

Das sollte sich allerdings mit der Übergabe einer lausig kopierten BASF-Kassette durch meinen Klassenkameraden Lars D. schlagartig ändern. Diese enthielt in  unterirdischer Qualität eine Kopie des 91er Onkelz-Album “Wir ham noch lange nicht genug..” 

A-L-T-E-R !!!

Ich war vom ersten Ton an direkt angefixt!!!  Die brachialen Gitarren!! Die Stimme!! Die Lyrics!! Eins stand fest: die waren gefährlich!! Da gabs auf die Fresse! Ein Bravo-Poster war von denen zeitnah nicht zu erwarten!

Zwar munkelte man, dass die Band politisch nicht völlig blütenrein war, aber ich war sehr geneigt, den Onkelz die Dementi abzunehmen!

Schweinepresse!! Die wollen die letzten aufrechten Rocker mit Schmutzkampagnen kleinkriegen, aber nicht mit uns, denn wir sind wilde Jungs!! Weisste Bescheid!!! 

Und was noch viel geiler war: Mutter hasste sie!! Ich konnte die Uhr danach stellen, bis sie in mein Zimmer gestürmt kam und feurige Tiraden gegen diese asozialen Neonazis mit ihrem prolligen Aggrogedöns hielt, sobald ich eine Onkelz-CD einlegte.

Ich war im 7. Himmel!! 

Die folgenden Jahre hab ich mir dann auch folgerichtig vorschriftsmäßig jedes neue Album gekauft, und bis circa 2002 auch die eine oder andere Show gesehen. Und doch begann schleichend , was ich eingangs geschildert habe: sie wurde mir peinlich, diese Liebe zu den Onkelz! 

Im kleinen Kreis haben wir die Songs nach wie vor beseelt mitgegröhlt und derbe Luftgitarre gezockt, nach außen haben wir das Prekariatsgesindel in ihren Onkelz-Shirts jedoch zunehmend verlacht und verachtet.

Zu bedingungslos war deren Bereitschaft, sich selbst die sinnlosesten Textzeilen der Band auf den fahlen, adipösen Leib tätowieren zu lassen und die doch recht simple Philosophie hinter den Songs (zusammengefasst: ihr seid scheiße, wir sind toll) als Lebensmaxime zu akzeptieren.

Folglich galt “Böhse Onkelz, ich bitte Dich!! Unterschichtenmusik!” als einzig akzeptables Statement außerhalb des Bauwagens.

Vor circa 10 Jahren ist diese Faszination dann so plötzlich erloschen, wie sie begonnen hat. Plötzlich wurden sie mir wirklich egal, und ich hab sie schlicht vergessen.. jedes neue Album wurde mit mildem Desinteresse registriert, aber nicht mehr gekauft.

Und als sich die Band dann irgendwann wegen des überdimensionalen Egos von Stephan Weidner, seines Zeichens Hauptsongwriter und Mastermind, einfach aufgelöst hat, war mir das nicht einmal ein Schulterzucken wert. Tja nun.

Dass es für alle Mitglieder nach dem Split nicht nur musikalisch, sondern auch persönlich konstant bergab ging, konnte man der Boulevardpresse entnehmen.

Und so behauptete ich weiterhin stoisch, diese Prollcombo von jeher mit gesunder Abscheu betrachtet zu haben.

Und ich kenne genügend Typen, die es genauso halten!

Aber manchmal, ganz im Geheimen, wenn wir uns zufällig über den Weg laufen, raunen wir uns verschwörerisch im Vorbeilaufen zu: “Wir ham noch lange nicht genug!”

  1. von dersilvereisen gepostet